Where everybody goes to be alone

06 Februar

Ich habe zweimal auf meinem Schulweg an nichts gedacht. Wirklich nichts, oder ich habe mich beide mal nicht daran erinnert.
Wenn ich morgens die kleine Treppe am Ende des Weges vor unserem Haus herunterspringe und danach die etwas größere Treppe Stufe für Stufe heruntersteige, denke ich über die Antwort von ziemlich genau sechs Fragen nach. Hab ich alles? Was habe ich in der ersten Stunde? Und wo? Wieso und wofür habe ich überhaupt heute morgen meine Haare gemacht? Habe ich überhaupt einen Regenschirm mit, falls es heute auf dem Nachhauseweg regnet? War das da gerade Minka, die hinter dem Busch verschwunden ist?  Diese Fragen sind zwar nicht immer dieselben, aber immer unnötig. Schließlich ist es doch so, selbst wenn ich etwas vergessen hätte, würde es mir jetzt nicht auffallen, falls ich weiß welches Schulfach ich jetzt hätte, wüsste ich nicht wo, ich hätte meine Haare genauso gut nicht machen können, weil ich weiß, dass mich auf meiner Schule einfach kein Junge interessiert und ich sie ebenso wenig, hätte ich keinen Schirm, würde ich eben nass werden und wenn das Minka war, ja dann war sie das halt. 
Habe ich diesen Gedankengang vollendet, stehe ich schon vor den Schranken. Nun bietet sich mir zwei Möglichkeiten an. Ich kann einfach weiter geradeaus gehen oder den Bahnübergang überqueren und beim Kätzchen vorbei schauen. Wenn ich über den Bahnübergang gehe, komme ich irgendwann an einem ziemlich tiefliegenden Fenster vorbei. Von innen hängt ein weißer Spitzenvorhang vor dem Fenster, der wahrscheinlich bis zu dem Boden reicht und selbst gestickt ist. Jedenfalls sitzt hinter dem Fenster, auf einer grauen, breiten Fensterbank ein Kätzchen. Ein weißes mit grellen grünen Augen und einem bräunlichen Fleck an einer Pfote, mehr erkenne ich morgens nie. Bewegt man sich auf das Fenster zu, ohne auch nur die Hand auszustrecken, schmiegt sich die kleine Katze von innen gegen das Fenster, maunzt, miaut und schnurrt. Am liebsten würde ich mich vor die Scheibe setzen solange bis die Schule zu Ende wäre und mich mit dem Kätzchen unterhalten. Sie würde maunzen, miauen und schnurren und ich würde ihr erzählen, dass ich keinen Regenschirm dabei habe, weil ich ihn auf dem Küchentisch hatte liegen lassen, dass ich meine Haare wie jeden Morgen umsonst gemacht hatte, was nicht nur die Schuld des Windes war, dass ich dieses und jenes Schulfach hatte, aber dass ich keine Ahnung hatte wo genau, vielleicht würde ich ihr von Minka erzählen und sie würde maunzen und ich würde wissen, dass sie Katzenfreunde oder so was sind. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass diese kleine Katze hinter dem Fenster, was nicht zu öffnen ist, keine einzige Katzenfreundin hat. Sie kennt nur diese Welt hinter dem Fenster, die kleine Wohnung. Wäre ich mutiger würde ich irgendwann einmal dort klingeln und fragen ob die Katze auch raus darf, oder ob ich rein kommen könnte die kleine Katze streicheln. Ich weiß, dass ist teilweise ziemlich kindisch ist, aber das ist mir egal. Ich habe das Gefühl das Kätzchen sollte wissen, dass es noch eine Welt gibt außer die ihre.
Gehe ich allerdings nicht über den Bahnübergang, sondern einfach weiter geradeaus, kam es schon zweimal vor, dass ich nicht gedacht habe. Ich habe Musik gehört und auf meine Füße geschaut, die auf dem dünnen Bordstein balancieren, der auf der einen Seite der Straße als Bürgersteig dient und später wieder breiter wird. Sobald ich den breiten Teil betrat, hab ich wieder gedacht. Das erste was ich dachte war, dass ich gerade nicht gedacht hatte. Ich habe an nichts gedacht, obwohl der Wind meine sowieso umsonst gemachten Haare zerstörte, ich nicht wusste wo mein erstes Schulfach stattfand, der Schirm zu Hause auf dem Küchentisch lag und obwohl dieses kleine Kätzchen ganz alleine hinter dem Fenster auf der kalten Fensterbank saß und wartete, dass irgendetwas passierte, irgendjemand kam, der ihrer kleinen Welt etwas spannendes verlieh'.


Das ist übrigens Minka, eine Katze aus unsere Nachbarschaft, die ab und zu bei uns vorbeischaut.
Das Bild ist vom letzten Sommer und die Geschichte da oben, die ist wahr. 
Gute Nacht ihr 50, ihr seid doch verrückt.  
Danke verdammt, ich liebe euch, ehrlich.

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