Nur die halbe Wahrheit {Gute Nacht Geschichte; Part I}

21 September

Ich zog viel zu unvorsichtig an dem dünnen Hautfaden, der so störend neben meinem Fingernagel ab stand. "Verdammt", zischte ich, als es anfing zu bluten. Ich flitschte den Hautschnipsel beiseite und führte den blutenden Finger in meinen Mund. Ich mag den Geschmack von Blut, ich finde, es schmeckt metallisch und das obwohl ich nicht weiß wie Metall schmeckt, natürlich nicht, aber ich weiß, wie es riecht und so wie es riecht, schmeckt Blut, meins zumindest.

Ich schob meinen Stuhl nach hinten, indem ich meine Füße am Boden abdrückte. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass daher die ganzen Kratzer unter meinem Schreibttisch herrührten, aber ich fand diese Schonmatten aus Plastik schon immer grottenhässlich. Meine nackten Füße platschten über den kalten Küchenboden. Als ich mein Ziel erreicht hatte und vor der Schublade mit den Pflastern stand, fuhr ich mit meinem Zeh über die Furche, die zwischen zwei der Küchenfliesen lag. Ich kramte in der Schublade um ein passendes Pflaster zu finden, eins, dass nicht stört, wenn man den Finger knickt. Ich zog einen Stapel heraus, von dem mir prompt eines auf den Boden fiel. Es landete genau zwischen meinen Füßen, in der Furche. Ich schmiss den Stapel zurück in die Schublade und hob das Pflaster auf. Langsam packte ich es aus und wickelte es mir um den Finger, der schon längst aufgehört hatte zu bluten. Aber Pflaster sahen einfach so aus, als hätte man eine Geschichte, irgendwie eine Art längst vergangenes Abenteuer erlebt und wer wollte nicht so aussehen als hätte er das. Ich jedenfalls wollte das ziemlich gern.


Das Papier ließ ich einfach auf der Arbeitsfläche liegen, nachdem ich kurz überlegt hatte, es einfach aus dem Fenster zu werfen, weil der Wind so wehte, dass es durch die Luft getanzt wäre. Aber dann wäre das Papier irgendwo gelandet und wahrscheinlich hätte Mutter Natur dann eines Tages auch mir etwas ins Gesicht geworfen, einfach so, aus Rache. Vielleicht war ich aber auch einfach nur zu faul gewesen das Fenster zu öffnen, denn schließlich war ich auch zu faul das Papier bis zum Mülleimer zu begleiten.

Als ich gerade einen Fuß auf der Treppe hatte, klingelte es und ich fuhr zusammen. da außer mir niemand da war, drehte ich mich um und öffnete die Tür. Vor mir stand Avarielle, die Frau mit dem schwierigsten Vornamen, der mir bis jetzt je untergekommen ist. "Hallo Liebes!", sie seuftzte beinahe, "Sag mal sind deine Eltern da?". Ihre Haare wurden von dem immer noch wütenden Wind in ihr Gesicht geweht. Ich schüttelte sachte den Kopf, "Ne, die sind arbeiten.". Sie nickte, "Sag ihnen bitte viele liebe Grüße von mir, ich komme euch sicher mal besuchen, wenn ich mich dann richtig eingelebt hab!". Ich war kurz davor nachzufragen, was zur hölle sie mit einleben meinte, als mir wieder einfiel, dass Mama seit zwei Wochen darüber redet und weint und lacht. Avarielle, unsere Nachbarin und Mamas inoffizielle beste Freundin, war drauf und dran nach Erfurt zu ziehen. Ganz unerwartet zog sie mich aus dem Türrahmen direkt in ihre Arme; "Gib Mama tausend Küsse von mir", dann drehte sie sich um und lief schnurstracks gerade aus zu ihrem Auto und stieg ein. Einfach so fuhr sie los, einfach so vielleicht für immer weg. [Fortsetzung folgt.]

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3 k o m m e n t a r e

  1. aaawh, ich find's toll, dass du nochmal was mehr schreibst,du schreibst so schön :)

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  2. Oh die Geschichte ist voll schön! Freue mich auf die Fortsetztung <:

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  3. Damit meinte ich welche Effekte du so nutzt. Also wie du die Bilder meistens veränderst, dass sie so ''alt'' aussehen. Weist du was ich meine? ^^

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